| La Sonnambula |
Luzerner Theater Oper von Vincenzo Bellini
Lorenzo Fioroni hat sich mit seinen Inszenierungen insbesondere in Deutschland einen Namen geschaffen und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. In seinem Heimatland hat der aus dem Tessin stammende Regisseur hingegen noch nie eine Oper auf die Bühne gebracht. Mit «La sonnambula» ist nun erstmals eine seiner Regiearbeiten in der Schweiz zu sehen. Die Inszenierung übernimmt das originale Setting in einem abgeschiedenen, idyllischen Schweizer Dorf, spitzt die Abhängigkeiten zwischen den Figuren aber deutlich zu. Sie geht von der Beobachtung aus, dass die behauptete Liebe zwischen Amina und Elvino, den Hauptfiguren der Oper, durchaus in Frage steht: Elvino hängt einem abstrakten Frauenideal hinterher, ohne Amina als konkretes Gegenüber mit eigenen Bedürfnissen und Empfindungen wahrzunehmen. Er glaubt blind seinem ersten Verdacht ihrer Untreue, und es ist nicht seine Liebe, die ihn eines besseren belehrt, sondern erst der konkrete, mit eigenen Augen wahrgenommene Beweis. Von Romantik keine Spur also. Und so führt die Geschichte der jungen armen Waisen, die schutzlos in einer abgeschlossenen Gemeinschaft aufwächst und dieser mit einer glücklichen Heirat zu entfliehen hofft, zwangsläufig in die Katastrophe … «La sonnambula» ist die einzige Bellini-Oper, die sich eine ununterbrochene Aufführungstradition sichern konnte. Zu Recht: Die Musik zählt zu den schönsten Schöpfungen des romantischen Repertoires, die Titelpartie nutzten seit ihrer Komposition zahlreiche Sängerinnen zur Beförderung ihres Ruhmes – von Giuditta Pasta und María Malibran über Maria Callas und Joan Sutherland bis zu Natalie Dessay und Cecilia Bartoli. Das Luzerner Theater bringt nicht die neue, tiefer transponierte kritische Edition, sondern die bis dahin gängige Alte Ricordi-Ausgabe zur Aufführung. Wenn sich das Unterbewusstsein unkontrolliert Ausdruck verschafft, hilft keine noch so kunstvolle Fassade mehr. Der Schein bürgerlicher Anständigkeit verliert seine Glaubwürdigkeit. In dem Libretto zur Oper «La sonnambula» behandelt Felice Romani das Phänomen mit Parteinahme für die Angeklagte: Die Blamage liegt nicht bei der Schlafwandlerin, deren bewusstloser Körper soziale Normen missachtet, sondern bei der Gesellschaft, die sittliche Korruption für die einzige Handlungsmaxime hält. Eine junge Waise wird am Vorabend ihrer Hochzeit im Bett eines anderen Mannes erwischt. Obwohl beide ihre Unschuld beteuern, gilt der Verdacht als Vergehen. Selbst die Vermutung, dass es sich bei der scheinbar Untreuen um eine Schlafwandlerin handeln könnte, taugt nicht zur Versöhnung, zu sehr sind gegenteilige Interessen anderer Personen mit im Spiel … |